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Das Fördergesuch – miteinander statt gegeneinander

Du hast dir für dein Fördergesuch an eine Stiftung richtig viel Mühe gegeben und es ordnungsgemäss eingereicht. Doch seitdem herrscht Funkstille. Bevor du nun wütend zum Telefon greifst, kann es helfen, einmal die Sichtweise der Stiftungsmitarbeitenden einzunehmen. Und diese sollten im Gegenzug auch häufiger versuchen, sich in die Antragstellenden hineinzuversetzen. Ein Förderantrag aus zwei Blickwinkeln betrachtet.

– Dr. Marc-André Pradervand und Dr. Lukas von Orelli

Der Fundraiser

Jetzt habe ich vor gut einer Woche dieser Förderstiftung eine E-Mail mit meinem 2-seitigen Fragenkatalog zum Vorgehen für Fördergesuche geschickt, aber immer noch nichts gehört. Dabei hätten wir ja ein so ein innovatives Projekt. Da müsste die Stiftung doch reagieren!

Schon im letzten Jahr hatten wir im Rahmen eines Massenversandes ein Gesuch an diese Stiftung gestellt, aber bloss eine Standardabsage erhalten. Dabei steht im Zweck dieser Stiftung ganz klar, dass sie Projekte in unserem Wirkungsbereich unterstützen! Ich habe nach der Absage angerufen und wollte mit der Stiftung verhandeln, aber das hat die Stimmung nicht wirklich verbessert…

Neulich hat mir eine Fundraising-Kollegin erzählt, dass Förderstiftungen Wert darauf legen, dass man vor der Gesuchstellung die Vorgaben der Stiftung für Gesuche auf ihrer Website studiert und sich danach richtet. Bei offenen Fragen ruft man am besten die Stiftung vor dem Versand des Gesuches an. Dies erhöht den Erfolg eines Gesuches, wie dies auch der Grantee Review Report 2019 des Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel zeigt. Nun, in diesem Jahr habe ich beschlossen, den Rat meiner Kollegin zu befolgen.

Vor dem Anruf bereite ich mich wie vor einer Jobbewerbung seriös auf das Gespräch vor, indem ich die Tätigkeit der Stiftung studiere und mir Fragen im Zusammenhang mit unserem Projekt notiere. Etwas nervös bin ich schon, als ich die Stiftung anrufe. Aber wie ich mit der richtigen Person verbunden werde, mich vorstelle und erwähnen kann, dass ich Verbandsmitglied von Swissfundraising bin, der die ethischen Richtlinien einhält und keine Provisionen nimmt, ist das Eis gebrochen. Ich kann unser innovatives Projekt kurz vorstellen sowie die, aus meiner Sicht, noch offenen Punkte klären. Am Schluss darf ich den Satz hören: „Senden Sie uns bitte Ihr Gesuch zu.“ Nachdem die letzten Fragen betreffend Umfang des Gesuches und Abgabetermin geklärt sind, beenden wir das Gespräch, und ich habe das Gefühl, diesmal kein Geschirr zerschlagen zu haben, sondern am gleichen Strick zu ziehen wie die angefragte Förderstiftung. Meine Chancen bleiben diesmal intakt.

Die Förderstiftung

Uff, jetzt ist mir das E-Mail dieses Fundraisers schon ganz tief im Posteingang hinuntergerutscht. Es war aber auch wieder viel los die letzten zwei Wochen… Stiftungsrat, Investment Committee in Dänemark, Preisverleihung in Genf, Referat in Basel… Naja, das sieht jetzt nicht gut aus, aber ich schau’s mir an und entschuldige mich halt. Zwei Seiten Fragen? Das ist ziemlich viel. Ich hätte ihn gleich auf die Webseite verweisen können. Nochmals peinlich. Aber ok. Der nächste Eingabetermin ist sowieso erst im September. Das steht ja auch auf unserer Webseite.

Der Absender kommt mir bekannt vor. Da war doch letztes Jahr etwas. Ach so ja, dieses Massenmail. Ja, bei uns steht halt Umwelt im Zweck, aber die Strategie ist unterdessen viel fokussierter. Wir können nicht alles fördern, das uns erlaubt ist, sonst machen wir nichts richtig. Hat er nicht noch angerufen? Ja, darum erinnere ich mich. Toll, wenn sich jemand wirklich informieren will, was uns interessiert. Aber wir geben uns ja wirklich Mühe, alles auf die Webseite zu schreiben, was es braucht, um bei uns ein Gesuch zu stellen. Uns etwas verkaufen zu wollen, das wir nicht suchen, ist für beide Seiten Zeitverschwendung.

Das Telefon klingelt. Meine Assistentin nimmt ab, jetzt kann ich endlich das Mail beantworten. Was, für mich? Der Fundraiser mit dem Mail. Jetzt ist er mir zuvorgekommen. Nun gut, rein in das Gespräch. Ein bisschen unangenehm ist mir das schon, aber vielleicht ist er ja Profi. Wenn ich ihm genau erkläre, was wir suchen, kommt er vielleicht später mit super Ideen. Und wenn er nur ein Verkäufer ist? Dann muss ich schnell einen Strich ziehen…

Ok. Er ist Profi. Gott sei Dank. Jetzt bin ich mal gespannt. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das Projekt 100% passt, aber anschauen können wir es uns. Das kann auch helfen, dass wir voneinander besser verstehen, wie beide Seiten funktionieren. Wenn es dieses Mal nicht fruchtet, dann vielleicht ein anderes Mal. Ich habe auch das Gefühl, dass er unser Verfahren respektiert. Wir haben unseren Fokus und die Konkurrenz ist gross. Aber es hilft, Partner zu haben, die gute Ideen aufstöbern und die Kandidaten zu uns bringen, die am besten zu uns passen. Es ist halt wie bei der Jobsuche.

Der vorliegende Beitrag betrifft nicht eine bestimmte Stiftung, sondern fasst Erfahrungen aus der Praxis der beiden Autoren zusammen.


Dr. Marc-André Pradervand ist seit 20 Jahren als Fundraiser und Interim-Manager tätig und übernahm bei verschiedenen Schweizer Hilfswerken wie UNICEF, Save the Children, World Vision und Médecins Sans Frontières (MSF) leitende Positionen im Fundraising.  Er sitzt im Vorstand von mehreren Organisationen und ist auch als Fundraising-Referent und –Berater im In-und Ausland tätig.

Dr. Lukas von Orelli ist Jurist und Ökonom und seit über 20 Jahren Geschäftsführer von Stiftungen. Seit 16 Jahren bei der Velux Stiftung in Zürich, die Forschung in den Bereichen Gesundes Altern, Augenkrankheiten und Tageslicht fördert. Seit 10 Jahren ist er zudem im Vorstand von SwissFoundations, dem Verband Schweizer Förderstiftungen. Seit 2016 als Präsident. Lukas von Orelli hat und hatte darüber hinaus verschiedene Vorstands-, Stiftungsrats- und Beiratsmandate in Vereinen und Stiftungen.


Artikel erschienen im Fundraiser-Magazin 4/2020: www.fundraiser-magazin.de