«Der Kontext, in dem Solidarität wirkt, verändert sich»
Willeke van Rijn, CEO der Resource Alliance, ist eine der Keynote-Referentinnen am diesjährigen SwissFundraisingDay. Im Gespräch mit Swissfundraising spricht sie über Solidarität, Krise und People Power.
Interview: Swissfundraising | Bild: zVg

Willeke van Rijn, du wirst am nächsten SwissFundraisingDay eine Keynote zum Thema «From Crisis of Solidarity to People Power in Fundraising» halten. Ohne schon zu viel zu verraten: Worüber wirst du konkret sprechen?
Wir leben in einer Zeit rascher Veränderungen, enormer Turbulenzen und des Chaos – einer Zeit, in der der Bedarf steigt, in der wir jedoch nicht immer einen entsprechenden Anstieg der Einnahmen für gemeinnützige Zwecke oder für gemeinnützige Organisationen beobachten können. An der Konferenz werden wir erkunden, was Fundraising in einer Zeit, die eher von Solidarität unter Druck geprägt ist, wirklich bedeutet. Wir werden uns damit befassen, wie sich das Fundraising weltweit wandelt – weg vom vertrauten Trichter und hin zu komplexeren, vernetzten Finanzierungsökosystemen – und was das von uns als Fundraisern, Organisationen und Einzelpersonen erfordert. Im Kern ist es also eine Einladung zum Nachdenken, zum Erkunden neuer Ideen und Möglichkeiten – und dazu, zu erkennen, was wir erreichen können, wenn wir unsere Kräfte bündeln.
Siehst du selbst eine Krise der Solidarität, in der sich die Menschen weniger für andere engagieren?
Ja, ich glaube tatsächlich, dass wir eine Krise der Solidarität erleben – nicht weil den Menschen alles gleichgültig geworden ist, sondern weil sich der Kontext, in dem Solidarität wirkt, verändert. Wir erleben, wie einst vertrauenswürdige Regierungen den Multilateralismus beenden, wie Konfrontation zunehmend die Zusammenarbeit ersetzt und wie die Währung der Zusammenarbeit, das Vertrauen – oft durch Falsch- und Desinformation in Medien und sozialen Medien – an Wert verliert.
Wie könnten wir dem entgegenwirken?
In diesem Umfeld kommt uns eine Schlüsselrolle zu, um das Vertrauen aktiv wieder aufzubauen: indem wir die Transparenz stärken, an Werten wie Fürsorge, Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit festhalten und Räume schaffen, in denen Zusammenarbeit trotz des Drucks weiterhin gedeihen kann. Dies wirft auch Fragen über uns als gemeinnützige Organisationen – und unseren Zweck – auf: Arbeiten wir aktiv zusammen, um unser Ziel zu erreichen, oder arbeiten wir nur für unser Logo? Laden wir Menschen ein und heissen sie willkommen? Fühlen sie sich zugehörig, haben sie das Gefühl, Teil der Lösungsfindung zu sein, oder bitten wir sie lediglich um einen finanziellen Beitrag?
Die globale Fundraising-Landschaft befindet sich im Wandel – mit welcher Haltung können NPO diesem Wandel erfolgreich begegnen?
Zunächst einmal müssen wir anerkennen, dass es für gemeinnützige Organisationen derzeit keine einfache Zeit ist. Der Rückgang der finanziellen Mittel wird oft als Argument genutzt, um den zivilgesellschaftlichen Raum einzuschränken oder gar ganz zu beseitigen – was leider mittlerweile fast überall auf der Welt geschieht. Die gute Nachricht ist, dass soziale Wirkung nicht mehr nur den NPOs vorbehalten ist. Einzelpersonen initiieren Bewegungen; Sozialunternehmen entstehen; neue Formen der Mittelbeschaffung und Finanzierung werden verfügbar; und sogar Regierungen arbeiten zusammen, um Wirkung in grossem Massstab zu erzielen. Das wirft klare Fragen auf: Wer finanziert was und warum? Für NPOs bedeutet dies, ihre Einnahmen zu diversifizieren, neue Partnerschaften aufzubauen und die Fähigkeit zu entwickeln, mit verschiedenen Formen von Kapital und neuen Finanzierungsmodellen umzugehen.
Der Wandel von zweckgebundener zu nicht zweckgebundener Finanzierung vollzieht sich nun auch bei Zuschüssen im Vergleich zu Darlehen bzw. Finanzierungsmodellen. Was wird durch welche Art von Ressourcen finanziert? Wer finanziert was? Lokalisieren wir die Finanzierung? Beenden wir Abhängigkeiten? All das kommt gleichzeitig auf uns zu. Und ja, der alte Spruch «Jede Krise bietet auch neue Chancen» ist wahr.
Ist das Fundraising, das wir bisher kannten, «vorbei», und braucht es völlig neue Ansätze?
Ja und nein. Sich auf wenige Grossspender:innen zu verlassen, war noch nie eine gute Idee. Wer weiterhin von den «traditionellen» Finanzierungsquellen abhängig bleiben möchte – während einige davon an Umfang verlieren und der Bedarf steigt –, wird in schwierige Zeiten geraten. Welche Finanzierungs- und Förderungsportfolios am besten zu einer Organisation passen, hängt von der Art der Organisation ab. Fundraising entwickelt sich definitiv weiter. Die Grundlagen – Verbindung, Vertrauen und Storytelling – bleiben bestehen, aber der Kontext verändert sich rasant. Wir müssen unsere Ansätze erweitern, statt sie aufzugeben.
Wie siehst du die Schweiz als Fundraising- oder NPO-Land aus externer Sicht?
Die Schweiz blickt auf eine lange Tradition der Philanthropie, des Vertrauens und des internationalen Engagements zurück. Gleichzeitig ist sie Teil globaler Veränderungen, die sowohl Chancen als auch Verantwortung mit sich bringen. Es ist ein sehr interessanter Kontext, um über die Zukunft des Fundraisings nachzudenken. Vergleicht man beispielsweise Daten zum Fundraising in der Schweiz, wo 82 Prozent der Bevölkerung spenden, mit denen aus Grossbritannien, so sieht die Situation in der Schweiz deutlich besser aus. Im Vereinigten Königreich spenden «nur» 55 Prozent der Bevölkerung, wobei allein im letzten Jahr 2,3 Millionen regelmässige Spender:innen verloren gingen. Alles ist relativ. Dennoch wirft der Rückgang der Spendensumme in der Schweiz Fragen nach dem Warum auf. Die Sorge um Transparenz bei gemeinnützigen Organisationen ist wahrscheinlich etwas, das Sie gemeinsam angehen sollten – nicht jeder für sich.
Was können die Teilnehmer:innen von deinem Vortrag am SwissFundraisingDay erwarten?
Einen Ort der Reflexion und der Erkenntnisse. Die Resource Alliance ist eine globale Gemeinschaft, und ich werde auf die Erkenntnisse dieser Community zurückgreifen, um breitere Perspektiven, aufkommende Trends und innovative Ansätze aus aller Welt zu teilen. Ich hoffe, Perspektiven bieten zu können, die zum Nachdenken anregen und Mut machen – Erkenntnisse aus dem, was bereits vorhanden ist und worauf die Teilnehmenden aufbauen können. Natürlich werden wir versuchen, die richtigen Fragen zu stellen und damit den Dialog anzuregen. Es ist ganz klar, dass es in den turbulenten Zeiten, in denen wir leben, mehr Fragen als Antworten gibt. Lasst uns die Diskussion anstossen und gemeinsam nach Antworten suchen.
Und was erwartest du vom SwissFundraisingDay und von der Reise in die Schweiz?
Ich freue mich sehr darauf, mit Fundraiser:innen aus der Schweiz in Kontakt zu treten – ihre Herausforderungen besser zu verstehen und von ihren Lösungen zu lernen. Gerade der persönliche Austausch ist oft der Ausgangspunkt für neue Ideen und Kooperationen. Ich erwarte, dass dieser Austausch sowohl inspirierend als auch zum Nachdenken anregend sein wird. Alle neuen Ideen aus der Schweiz würden wir gerne mit der globalen Community von Resource Alliance teilen.
Zur Person
Willeke van Rijn ist seit März 2022 als Geschäftsführerin bei der Resource Alliance tätig. Als erfahrene Führungskraft im gemeinnützigen Sektor mit Kompetenzen in den Bereichen Strategie, Internationales, Finanzen und Personal leitete sie zuvor das Team für Strategie und Analyse bei SOS Children’s Villages. Sie unterstützte die Einführung einer innovativen Online-Plattform zum Kapazitätsaufbau für Kleinst- und Kleinunternehmen in Schwellenländern. Davor war sie 13 Jahre lang bei Oxfam als Beraterin für globale Fundraising-Strategien für Tochterorganisationen auf der ganzen Welt tätig, unter anderem in Mexiko, Indien, Südafrika, Brasilien, Italien, Deutschland und Belgien, wo sie die strategische Aufsicht über das Fundraising und die Forschung sowie die Entwicklung neuer Fundraising-Märkte und -Kanäle hatte, unter anderem für den Markteintritt, den Aufbau und die Marktentwicklung. Sie lebte und arbeitete in Mexiko, Nepal und Indien und wohnt heute in London.