HomeNewsDer Schweizer Stiftungsreport 2016: Dominanz kleiner Stiftungen

Der Schweizer Stiftungsreport 2016: Dominanz kleiner Stiftungen

10.05.2016

Wenn die Rede von gemeinnützigen Stiftungen ist, konnte man in den vergangenen Jahren viel über Zürich, Basel und die Romandie lesen sowie über grosse Stiftungsgründungen und Spenden. Wie eine detaillierte Untersuchung der Ostschweizer Stiftungslandschaft nun zeigt, ist das Schweizer Stiftungswesen weitaus vielfältiger und breiter und von kleinen Stiftungen dominiert. Eine erstmalige Analyse von Stiftungsvermögen, Leistungsausgaben und Verwaltungskosten bietet neue Erkenntnisse und ergänzt die bisher bekannte Einteilung der Stiftungen nach Zweckausrichtungen.

Das Vermögen ist die Daseinsberechtigung einer Stiftung, ohne dieses Kapital gäbe es sie nicht. In der Vergangenheit waren die Hochphasen der Philanthropie immer mit einer starken wirtschaftlichen Konjunktur verbunden. Mit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise setzte für Stiftungen eine neue Zeitrechnung ein. Die geringen Ertragsmöglichkeiten bei tiefem Risiko verursachen insbesondere kleineren und mittleren Stiftungen zunehmend Kopfzerbrechen. In einer detaillierten Untersuchung von 1`205 Stiftungen aus vier Kantonen zeigt sich, dass das Vermögen auf einige wenige grosse und viele kleine Stiftungen entfällt. «50% der untersuchten Stiftungen halten gerade einmal 0,3 % des Gesamtvermögens, während das letzte Prozent immer noch 19,4% der Vermögenswerte vereinigt» erläutert Georg von Schnurbein, Professor an der Universität Basel und Leiter des Center for Philanthropy Studies. «In der Untersuchung ebenfalls bestätigt hat sich der Grundsatz, dass 80% aller Stiftungen ein Vermögen von unter CHF 3 Mio. besitzen.» Dasselbe Bild zeigt sich bei den Mitteln, welche die Stiftungen für ihre Zweckerfüllung einsetzen können. Im Durchschnitt stehen der Hälfte aller untersuchten Stiftungen pro Jahr für ihre Förderung oder Leistungserbringung weniger als CHF 30`000 zur Verfügung.

Kleine Stiftungen am ineffizientesten
Sowohl von der Öffentlichkeit als auch von vielen Stiftungsvertretern selbst wird erwartet, dass gemeinnützige Stiftungen möglichst günstig arbeiten und interne Kosten für Personal, Infrastruktur oder Kommunikation auf ein Minimum reduzieren. Kostengünstige, weil ehrenamtlich geführte Stiftungen gelten gemeinhin als besonders gut und Stiftungen mit bezahlten Mitarbeitenden als teuer. Ein erster Blick scheint diese Annahme zu bestätigen: Geben kleine Stiftungen mit einem Vermögen von unter einer Viertelmillion Schweizer Franken etwas mehr als CHF 2`500 an Verwaltungskosten aus, erhöht sich dieser Betrag bei Stiftungen mit einem Vermögen von über CHF 15 Mio. auf durchschnittlich CHF 134`152. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn man die Verwaltungskosten ins Verhältnis zum Stiftungsvermögen stellt. Dann sind die kleinsten Stiftungen plötzlich am ineffizientesten, da sie durchschnittlich 2,6% des Vermögens für Verwaltungskosten ausgeben. Bei den grössten Stiftungen beträgt das Verhältnis gerade einmal 0,3%. Einer der wichtigsten Kostentreiber sind die Vermögensverwaltungskosten. Viele Stiftungen sind zu klein, um von den günstigen Tarifen institutioneller Anleger zu profitieren. Eine der Lösungen, um zu einer kritischen Masse zu gelangen, können Fusionen sein, zu denen im Stiftungsreport fünf Gründe dafür und fünf Gründe dagegen aufgeführt werden. Ebenso kann es eine Überlegung sein, das Stiftungskapital aufzubrauchen, sofern die Stiftungsurkunde dies zulässt und entsprechende Kosten eingespart werden können.

Inaktive Stiftungen
Die Frage nach inaktiven Stiftungen wird häufig gestellt und hat es gar einmal bis in eine parlamentarische Motion geschafft. In dieser wurden Schätzungen von schweizweit 2`000 bis 3`000 inaktiven Stiftungen genannt. Die Analyse aus vier Kantonen legt nun die Vermutung nahe, dass diese Zahl weitaus tiefer liegt und sich Stiftungen auch bei niedrigerer Ertragslage ihrer Verantwortung bewusst sind und ihre Förderung aufrechterhalten. 2012 tätigten von den 1`205 untersuchten Stiftungen 67 keine Ausgaben, 2013 lag dieser Wert bei 58 Stiftungen. Damit würde sich die Zahl inaktiver Stiftungen bei einer Gesamtzahl von 13`075 gemeinnütziger Stiftungen auf die Schweiz hochgerechnet im mittleren dreistelligen Bereich bewegen.

Der Ostschweizer Stiftungssektor
Ein besonders lebendiges Stiftungsleben verzeichnet die Ostschweiz. Als kirchliches Zentrum, mit einer frühen Industrialisierung und internationaler Vernetzung bietet sie einige wichtige Voraussetzungen für ein bedeutsames Stiftungswesen. Auffallend ist, dass das Stiftungswesen in der Ostschweiz seit 1990 explosionsartig gewachsen ist und sich die gemeinnützigen Stiftungen seit Anbeginn nie nur auf die Hauptorte beschränkt haben. Die grosse regionale Verwurzelung in diesen Kantonen zeigt auch der schweizweit hohe Anteil an Stiftungen, die unter kantonaler Aufsicht stehen und somit kommunal oder regional fördern. Die höchste Anzahl von Stiftungen weist der Kanton St. Gallen auf, gefolgt von Graubünden, Thurgau, Glarus, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. 44,9% der 1`472 gezählten gemeinnützigen Stiftungen sind fördernd tätig, während 35,2% als operative Stiftungen eingestuft werden. Der Rest lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Der mit Abstand wichtigste Tätigkeitsbereich der Ostschweizer Stiftungen ist Kultur und Freizeit, in dem 37,8% aller Stiftungen tätig sind, gefolgt von den Sozialdiensten mit fast 27% und Bildung und Forschung mit 21,2%.

Im Vergleich wird deutlich, dass sich jeder Kanton durch ein spezifisches und einzigartiges Stiftungswesen auszeichnet. Appenzell Innerrhoden hat ein sehr junges Stiftungswesen mit vielen auf einen Zweck fokussierten Stiftungen und im Verhältnis hohen jährlichen Ausgaben. Schwerpunkte bilden die Kultur und die Sozialdienste. Appenzell Ausserrhoden dagegen verfügt über einen inhaltlich sehr breit aufgestellten Stiftungssektor. Glarus ist der einzige Bergkanton der Ostschweiz, wo Umwelt ein wichtiger Stiftungszweck ist. Die Stiftungsdichte ist sehr hoch, jedoch haben die vielen Stiftungen ein nur geringes Durchschnittsvermögen, wodurch sich die verhältnismässig hohe Anzahl an Liquidationen erklären lässt. In Graubünden gibt es viele Stiftungen von internationalen Stiftern und nach St. Gallen die zweithöchste Stiftungszahl in der Ostschweiz. Die Stiftungen verfügen über das grösste Vermögen und ein hohes Durchschnittsalter. St. Gallen hat zwar die meisten Stiftungen, jedoch eine geringe Stiftungsdichte. Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen in Bildung, Forschung, Umwelt und Sozialwesen.

In den sechs untersuchten Kantonen steht ein gesamtes Stiftungsvermögen von CHF 4,7 Mrd. zur Verfügung, das sich von 2010 bis 2013 um 21,5% erhöht hat. Die Ausgaben belaufen sich auf durchschnittlich 3%. «Die Analyse der Ostschweizer Stiftungslandschaft zeigt deutlich» erläutert Beate Eckhardt, Geschäftsführerin von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen, «dass Stiftungen bei weitem nicht nur in Ballungszentren von Bedeutung sind, sondern mit grosser Vielfalt auch im ländlichen Raum das Gemeinwesen fördern.»

Zwischen Stifterfreiheit und Informationsbedürfnis
Weitere Beiträge im Schweizer Stiftungssektor loten die Grenzen des Schweizer Stiftungswesens aus. Der erste Social Impact Bond in Bern könnte am Anfang einer neuen Form von Private Public Partnerships stehen, bei denen private und öffentliche Investoren entsprechend ihrer Risikofähigkeit gemeinsam gemeinnützige Initiativen fördern. Auch aus rechtlicher Sicht werden Grenzen neu gesetzt. Die Eidgenössische Stiftungsaufsicht soll in eine eigene öffentlich-rechtliche Anstalt ausgelagert und aufgestockt werden und die parlamentarische Initiative Luginbühl schlägt Anpassungen im Schweizer Stiftungsrecht sowie die Schaffung eines Registers für gemeinnützige Organisationen vor. In eine andere Richtung zielt der internationale Druck, gemeinnützige Organisationen stärker zu kontrollieren, wie Dominique Jakob, Professor an der Universität Zürich und Leiter des Zentrums für Stiftungsrecht festhält: «In den nächsten Jahren wird es entscheidend sein, die richtige Balance zwischen Stifterfreiheit und staatlichem Informationsbedürfnis zu finden. Nur so können wir die hohe Attraktivität, welche der Schweizer Stiftungsstandort noch immer ausstrahlt, aufrecht erhalten.»

Alle Medienmitteilungen sowie Grafikmaterial kann unter www.swissfoundations.ch herunter geladen werden.