HomeImpulseDie Face-to-Face-Teams sind wieder zurück auf der Strasse

Die Face-to-Face-Teams sind wieder zurück auf der Strasse

Wohltätigkeitsorganisationen und gemeinnützige Organisationen nutzen eine Vielzahl von Fundraising-Kanälen und Plattformen. Wenn es aber um regelmässige Spenden geht, ist Face-to-Face Fundraising kaum zu schlagen – weltweit ist es das wichtigste Tool zur Gewinnung neuer und regelmässiger Spender. Ein aktueller Erfahrungsbericht aus Österreich.

– Peter Steinmayer, Fundraising Verband Austria

In Spanien ist das persönliche Gespräch der wichtigste Kanal für die Spenderwerbung (dicht gefolgt von Telemarketing), wobei die Zahl der regelmässigen Spender in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. In Österreich bringt sie in der Regel jährlich über 100.000 neue regelmässige Spender ein, und im Vereinigten Königreich berichtet das Institute of Fundraising, dass im vergangenen Jahr über 260.000 Spender vor der Haustür oder auf der Strasse gewonnen wurden.

Nach monatelangem Stillstand, abgesagten Veranstaltungen und begrenzten Fundraising-Aktivitäten sehen sich gemeinnützige Organisationen in ganz Europa mit massiven Finanzierungsengpässen konfrontiert. Es war dringend notwendig, wieder nach draussen zu gehen und mit Fundraising zu beginnen, aber die Priorität muss natürlich sein, dass die Fundraiser dies auf eine sichere und respektvolle Art und Weise tun und sich an sozial distanzierende Empfehlungen halten.

Neue Standards für bewährte Praktiken

In den letzten zwei Wochen haben wir in Norwegen, den Niederlanden und Österreich gesehen, wie Fundraiser wieder auf die Strasse kamen. Die Art und Weise, wie sie dabei vorgingen, war für jede Nation anders, aber ich würde sagen, das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist, dass wir alle langsam und vorsichtig vorgegangen sind. Zunächst sind nur die erfahrensten Fundraiser wieder auf der Strasse gewesen, um die Reaktionen zu überwachen und sicherzustellen, dass wir diesen kritischen Moment – die Wiederaufnahme von Face-to-Face – richtig angehen.

Hier in Österreich setzen wir im Rahmen der Qualitätsinitiative Fördererwerbung neue Standards dafür, wie best practice für Face-to-Face in Corona-Zeiten aussehen könnte. Das bedeutete, den Kontakt mit der Öffentlichkeit zu minimieren, neue Hygienemassnahmen einzuführen, wie regelmässiges Händewaschen, Desinfektion der Geräte, Abstandsbeschränkungen und – natürlich – eine schützende Gesichtsausrüstung für alle Fundraiser. Die Normen machen auch deutlich, dass Fundraiser es vermeiden müssen, sich an Personen zu wenden, die eindeutig zu einer «Risikogruppe» gehören.

Neue Lust auf Gespräche

Auf Menschen auf der Strasse zuzugehen, ist nie einfach. Obwohl es für viele eine grossartige Gelegenheit ist, ein tiefes Verständnis für die Wohltätigkeitsorganisation, die sie unterstützen wollen, zu gewinnen, zieht es oft Kritik auf sich – nicht jeder will anhalten und reden. Eine unserer grössten Sorgen war daher zweifellos die Frage, was die Öffentlichkeit davon halten würde. Würden wir uns noch mehr Kritik entgegenstellen lassen; dem Vorwurf, dass Wohltätigkeitsorganisationen die Gesundheit der Öffentlichkeit gefährden?

Nach einer Woche und nachdem wir auch einige Aktivitäten von Tür zu Tür getestet hatten, war es eine grosse Lernkurve. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist, dass die Öffentlichkeit wirklich reden will und dass sie grosse Lust darauf hat, Gutes zu tun. Nach Wochen der Isolation suchen sogar Passanten teilweise das Gespräch von selbst mit den Fundraisern, um mit ihnen zu plaudern (und nicht umgekehrt).

Ein Fundraiser auf der Strasse berichtet: «Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ich dachte, einige Leute könnten nervös sein und verstärkt ausweichen. Aber eigentlich sind es oft die Spender, die zu nahe kommen. Wir müssen im Gespräch oftmals einen Schritt zurücktreten, um den Sicherheitsabstand einzuhalten.»

Ein anderer sagte: «Wir sprechen ältere Menschen, die gefährdet sein könnten, nicht an, aber einige von ihnen kommen zu uns. Sie sind wirklich interessiert – einige wollen sich einfach nur unterhalten, aber andere wollen wirklich helfen, wenn sie können.»

Es ist zwar noch zu früh, um zu sagen, wie sich dies auf die Zahl der Spender auswirkt, aber die Reaktion der Öffentlichkeit war bisher überraschend positiv. Die Menschen sind offen neugierig darauf, wie es um Spendensammlungen bestellt ist, und die sichtbaren Massnahmen, die ergriffen werden, um in dieser neuen Welt sicher Spenden zu sammeln, sind an sich schon ein Gesprächsthema. Sie respektieren die Tatsache, dass wir neue Massnahmen ergriffen haben, um die Spendensammlungen sicher für alle zu machen.

Gesichtsschutzschilder sind eindeutig gewöhnungsbedürftig. Die Schilder dämpfen oft den Lärm, und da die Leute weiter weg stehen, müssen die Fundraiser viel lauter sprechen, als sie es gewohnt sind. Und seien wir ehrlich, kein Fundraiser möchte beschuldigt werden, Menschen auf der Strasse anzuschreien! Ausserdem können die Masken zerbrechen und neblig werden, so dass es gerade in den kommenden Sommermonaten immer wichtiger werden kann, dass Wohltätigkeitsorganisationen und Agenturen in qualitativ bessere und langlebigere Modelle investieren.

Eine neue Welt von Face-to-Face

Obwohl sich Face-to-Face als Kanal weiterentwickeln musste, um sicherzustellen, dass er auch weiterhin ein positiver, sicherer und vertrauenswürdiger Kanal sein kann, ist es offensichtlich, dass wir auch Veränderungen im Verhalten und in den Gewohnheiten der Menschen in Betracht ziehen müssen. Zum Beispiel haben wir in Wien festgestellt, dass die Einkaufsstrassen überraschend belebt sind. Die Knotenpunkte der öffentlichen Verkehrsmittel und andere kommunale Bereiche – jene, die traditionell einen hohen Fussgängerverkehr haben – sind jedoch sehr ruhig. Das bedeutet, dass die Standortwahl auch überdacht werden muss.

Alles in allem ist das erste Feedback und die Reaktion der Öffentlichkeit besser als erwartet, aber wir wissen, dass wir noch am Anfang stehen. Ich hoffe, dass der Austausch unserer Erkenntnisse im gesamten Sektor dazu beitragen wird, dass andere Märkte von unseren Erfahrungen lernen können, so wie wir es bei den ersten Rückmeldungen von Fundraisern aus den wiedereröffneten Face-to-Face-Märkten in Asien getan haben.


Peter Steinmayer ist im Fundraising Verband Austria (FVA) verantwortlich für alle Aktivitäten rund um Face-to-Face-Fundraising. Er leitet u.a. die Qualitätsinitiative Fördererwerbung und organisiert die Veranstaltungen First Global F2F Online Summit am 3. Juni sowie den First International F2F Fundraising Congress im November 2020 in Wien.