HomeNewsMarkus Gmür zu NPO und COVID-19: «Die Lage ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich»

Markus Gmür zu NPO und COVID-19: «Die Lage ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich»

18.03.2020

Die ausserordentliche Lage, ausgelöst durch COVID-19, beschäftigt auch die Non-Profit-Unternehmen und damit die FundraiserInnen in der Schweiz. Wir haben Professor Markus Gmür, Direktor des Instituts für Verbandsmanagement (VMI) und Inhaber des Lehrstuhls für NPO-Management an der Universität Fribourg, zu seiner Einschätzung der Lage befragt.

– Interview: Roger Tinner

Markus Gmür, als Ökonom haben Sie sicher schon eine Kurzanalyse der Lage gemacht: Was könnten die ausserordentliche Lage und die Tatsache, dass unser Land nun für ein paar Wochen oder länger grösstenteils still steht, für die Zukunft der Wirtschaft global und für uns konkret bedeuten?

In der Ökonomenzunft gibt es sicher berufenere Experten als mich, und da jetzt fast alle unvermutet viel freie Zeit und die Medien nicht nur auf den Sportseiten ebenso ungeplant freien Platz haben, ist auch schon sehr viel gesagt worden. Ich denke vor allem darüber nach, was wohl im Dritten Sektor passieren wird. Unruhige Zeiten sind deshalb spannend, weil sie vor allem einen Entwicklungsschub in der Zivilgesellschaft und im Dritten Sektor in Gang setzen, während der Staat überall die Ordnung aufrechtzuerhalten versucht und die Wirtschaft noch damit beschäftigt ist, ihre Assets in Sicherheit zu bringen und die eigenen Verluste hochzurechnen.

Nun gehören ja auch NPO zur Gesamtwirtschaft, sind oft sehr ähnlich wie Klein- und Mittelunternehmen (KMU) aufgestellt. Gibt es auch Unterschiede in dieser besonderen Situation?

Die Lage ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich und hängt vom Finanzierungsmodell ab. Organisationen in Kultur, Sport und Freizeit sind innert kürzester Zeit ausgeschaltet worden und das schneller als die Luftfahrtindustrie, von der in den Medien vor allem die Rede ist. Viele Gesundheitsorganisationen haben auf der anderen Seite ihre Krisenpläne ausgepackt und rollen ihre Aktivitäten aus; soziale Hilfsorganisationen werden wahrscheinlich folgen, wenn die unmittelbare gesundheitliche Bedrohung an Bedeutung verliert und dafür die sozialen und wirtschaftlichen Folgen spürbar werden. Soweit sich die Organisationen durch staatliche Beiträge finanzieren, werden sie wirtschaftlich erst einmal profitieren, denn der Staat ist auf den verlängerten Arm des Dritten Sektors angewiesen und finanziell gepolstert. Langfristig könnte dann allerdings das Pendel zurückschlagen, wenn die Krisenbekämpfung zusammen mit einer wirtschaftlichen Rezession die Steuereinnahmen rapide sinken lässt und der Staat wieder in die Schuldenbremsen treten muss. Interessant wird sicher zu beobachten sein, was mit dem Eigenkapital und den – mehr oder weniger zweckgebundenen – finanziellen Reserven passieren wird. Gelegentlich wurden diese bei Schweizer Hilfswerken als zu hoch kritisiert. Nun können diese eine wichtige Rolle spielen, um die betreffenden Organisationen über eine Periode mit unerwartet gefährdeten Einnahmen zu stabilisieren.

Erwarten Sie, dass die Spenden in diesem Jahr deutlich zurückgehen oder sehen Sie eher eine «Delle» in den kommenden Wochen und Monaten, weil die Spenden-«Hochsaison» eher im November/Dezember kommt?

Da fehlen im Moment einschlägige Erfahrungswerte. Ich kann mir vorstellen, dass es  vorübergehend zu einer Delle kommt, weil viele Menschen mit sich selbst und ihrem unmittelbaren Umfeld beschäftigt sind. Es gibt auch keinen besonderen Anlass, um die Spendentätigkeit zu mobilisieren. Sammelaktionen sind beschränkt. Für die Hilfswerke wird einiges davon abhängen, ob die aktuelle Krise vor der Sommerpause abklingt. Wenn dann die wirtschaftliche Rezession nicht so stark ist, dass es zu spürbaren Budgeteinschränkungen (für Personen, Wirtschaftsbetrieben oder staatliche Stellen) kommt, könnte sich der Spendenmarkt auf das letzte Quartal hin wieder fangen.

Wenn Umsätze bei den Spenden wegbrechen, wird die Liquidität knapp, Löhne können vielleicht nicht mehr bezahlt werden. Für Sport und Kultur hat der Bundesrat von sich aus schon analoge Massnahmen wie für die Wirtschaft angekündigt. Wieso vergisst er die NPO, insbesondere die klassischen Hilfswerke bei diesen Überlegungen?

Es ist ja noch nicht ausgemacht, wie weit der Staat am Ende mit seinen Unterstützungsleistungen für alle diejenigen Betriebe gehen wird, die nicht unmittelbar systemrelevant sind, wie das seit der Finanzkrise genannt wird. Hilfswerke im Inland werden ja wohl wie bisher staatliche Beiträge erhalten, wo sie als verlängerter Arm des Wohlfahrtsstaat und der öffentlichen Infrastruktur fungieren. Dass der Staat auch einen Rückgang im Spendenmarkt kompensieren wird, kann ich mir derzeit nicht vorstellen, denn ein Spendenmarktvolumen von weniger als 2 Milliarden Franken jährlich entspricht gerade mal 0,3% des Bruttoinlandsprodukts oder 40% des Jahresumsatzes der Swiss Airline. Die Not der Kultur- und Sportorganisationen ist offensichtlich, die der Hilfswerke nicht. Sie wird sich dort ja allenfalls schleichend einstellen, und dort, wo es möglich ist, wird man eben auf finanzielle Reserven zurückgreifen müssen. Ich kann mir aber vorstellen, dass der Staat dann, wenn es um Ausgleichszahlungen für die zwangsweise ruhig gestellten Sport- und Kulturbetriebe geht, noch die Frage verhandeln muss, wie weit in diesen Bereichen die «Edelmarken» – ich denke dabei etwa an die aufwändigen Veranstaltungen und Spitzengehälter im Fussball – stützen wird, wenn es zu einer Rezession in der Breite kommen wird.

Und zum Schluss: Glauben Sie, dass diese ausserordentliche Lage den gemeinnützigen Sektor in Zukunft stärken wird?

Davon bin ich absolut überzeugt, und die Geschichte der letzten 200 Jahre hat viele Beispiele parat, wie sich Organisationen in der Folge von gesellschaftlicher Unruhe und Verunsicherung entwickelt haben. In der aktuellen Krise experimentieren wir bereits mit neuen zivilgesellschaftlichen Formen – da denke ich z.B. an die neuen Balkonkonzerte. Wenn wir erst einmal unsere individuelle Angst zwischen den vier Wänden der verbliebenen Bewegungsspielräume untergebracht haben, werden wir Neues entdecken und ausprobieren, das wir dann als Erfahrungen und Projekte in eine neue Zeit mitnehmen, in der wir uns wieder ungehindert nach draussen begeben dürfen. Das wird sicher spannend!

Markus Gmür zu NPO und COVID-19: «Die Lage ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich»