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Interview mit Martina Ziegerer: «NPO zeigen jetzt, wie wertvoll ihre Arbeit ist und dass sie in besonders schwierigen Zeiten für andere da sind»

04.05.2020

Ob Grosskonzern, Dorflädeli, Restaurant oder Non-Profit-Organisation – Corona macht vor niemandem Halt. Aber was heisst das für unseren Sektor? Im Gespräch mit Swissfundraising gibt Martina Ziegerer, Zewo-Geschäftsführerin, eine erste Lagebeurteilung ab.

Martina Ziegerer, gut 500 zertifizierte NPO tragen das Zewo-Gütesiegel. Wie stark sind diese von der Corona-Krise betroffen und wie ist die «Stimmung»?


Gemischt, es gibt NPO, die Angebote vorübergehend ein- oder umstellen mussten, aber auch solche, die auf die Krise mit neuen oder ausgebauten Angeboten reagiert haben. Viele sammeln Erfahrung mit Homeoffice, einige mussten aber auch Kurzarbeit anmelden. Noch ist für die meisten ungewiss, wie sich Corona auf ihre Finanzen auswirken wird.

Welche Organisationen spüren die negativen Folgen der aktuellen Situation ganz besonders?


  1. NPO, die wegen behördlichen Restriktionen oder ausbleibenden Finanzen ihre Leistungen als EZA-Organisation, Brockenhaus oder Tierpark nicht mehr durchführen können.
  2. NPO im Sozial- und Gesundheitsbereich, die jetzt unter erschwerten Bedingungen mit Risikogruppen arbeiten und sich gleichzeitig um deren besondere Bedürfnisse kümmern.
  3. NPO, deren Anliegen vorübergehend aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden sind, zum Beispiel Natur- und Umweltschutzorganisationen.

Gibt es auch Organisationen, die «dank» Covid-19 eine positive Entwicklung feststellen und mehr Spenden sammeln können?

Bei Krisen ist die Solidarität in der Gesellschaft und die Spendenbereitschaft jeweils besonders gross. Allein die Glückskette hat 35 Millionen Franken gesammelt für die Existenzsicherung im Inland, Unterstützung von Seniorinnen und Senioren und medizinische Hilfe. Andere Sammlungen machten auf die besondere Situation von Obdachlosen, Menschen in psychischer Not oder die prekäre Lage in anderen Ländern aufmerksam.

Wie unterstützt die Zewo «ihre» zertifizierten NPO in dieser sehr herausfordernden Zeit?


Wir haben sogleich die Website zewo.ch/corona aufgeschaltet für Initiativen von zertifizierten Hilfswerken. Sie ist auf grosses Echo gestossen. Mit unserer SOS-Corona-Kampagne weisen wir auf diese Initiativen hin und rufen zur Solidarität und zum Spenden auf.

Es gibt NPO, die Projekte ganz absagen oder zumindest verschieben mussten, die Löhne ihrer Mitarbeitenden sowie die Fixkosten aber weiterhin bezahlen müssen. Das Verhältnis von Verwaltungs- zu Projektkosten wird sich bei diesen Institutionen wohl zwangsläufig verändern. Was raten Sie Organisationen, die Angst haben (zumindest mittelfristig), über die berühmte 20%-Marke bei den administrativen Kosten zu geraten? 


Jetzt ist Zeit für jene Aufgaben, die im hektischen Alltag oft warten müssen. Wer sich zum Beispiel der Wirkungsanalyse, den daraus gelernten Lektionen oder der Grundlagenarbeit widmet, nimmt wichtige Aufgaben der Projektbegleitung wahr. Diese zählen übrigens auch zum Projektaufwand und verschlechtern die Kennzahlen nicht.

Solidarität zeigt sich oft gerade in Krisenzeiten verstärkt. Das zeigt diesmal das COVID-Sammelresultat der Glückskette, aber auch die vielen Sammelaktionen für betroffene Klein- und Mittelunternehmen. Glauben Sie, der gesamte Sektor wird langfristig davon profitieren?

NPO zeigen jetzt, wie wertvoll ihre Arbeit ist und dass sie in besonders schwierigen Zeiten für andere da sind. Dadurch stärkt der Sektor seine Relevanz. Das dürfte sich langfristig positiv auswirken.

Was für ein Szenario für den Spendenmarkt Schweiz «nach Corona» halten Sie für realistisch?

Aus der Vergangenheit wissen wir, dass trotz Finanz- und Wirtschaftskrise die Spenden insgesamt gewachsen sind. Solange die wichtigsten Spender – also private Haushalte und Förderstiftungen – finanziell in der Lage sind, dürften sie weiterhin in gewohntem Masse spenden. Das finanzielle Ausmass der Corona-Krise ist allerdings noch nicht abschätzbar.

Interview mit Martina Ziegerer: «NPO zeigen jetzt, wie wertvoll ihre Arbeit ist und dass sie in besonders schwierigen Zeiten für andere da sind»