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Kirchliche Institutionen verstehen

Die Kirchen haben eine lange und grosse Tradition als Gebende für Organisationen. Sie befinden aber in einem laufenden Veränderungsprozess. Auf der anderen Seite scheinen viele FundraiserInnen privat keinerlei Bindung mehr zu ihnen zu pflegen. Deshalb lohnt es sich, ein paar Fakten zusammenzutragen.

– Andreas Cueni

Dass die «Kirche» oder die «Kirchen» unermesslich reich seien, darf getrost als Gerücht abgetan werden. Die Erträge der beiden grossen Landeskirchen kommen nicht aus Vermögenserträgen, sondern in den allermeisten Kantonen von Steuern, die Mitglieder (und oft auch Unternehmen) jährlich zahlen. Die Kantone bestimmen, welche Gemeinschaft anerkannt wird und Steuern erheben darf. Es lässt sich in den Medien nachlesen, dass ständig Mitglieder ihre Kirchen verlassen, teils aus ideellen, teils aus ganz praktischen Gründen – das spart die Zahlung von Kirchensteuern.

Gleichwohl ist es nicht so, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche eine Minderheiten-Eigenschaft geworden ist – jedenfalls nicht, wenn das ganze Land betrachtet wird. Zwar haben die sogenannten Konfessionslosen mit 26 % Bevölkerungsanteil die Reformierten mit 24 % übertroffen; registriert sind aber auch 36 % Katholische, 6 % Evangelikale, 5 % Muslime und 2 % andere – insgesamt benennen also fast drei Viertel des Landes eine Religionszugehörigkeit. 1970 waren in der Schweiz 95 %, je etwa hälftig, katholisch oder reformiert, erst ein Prozent bekannte sich als konfessionslos.

Die städtische Bevölkerung gibt die Bindung an die anerkannten Konfessionen am ehesten auf; zu diesen zählen ja die normalerweise die römisch-katholische, christkatholische und evangelisch-reformierte Kirche. So bilden im Kanton Basel-Stadt die Konfessionslosen mit Abstand den grössten Anteil. Hier sind von ziemlich genau 200’000 Einwohnerinnen und Einwohnern noch je etwa 27’000 Mitglied entweder bei der reformierten oder der katholischen Kantonalkirche; das ist bei den Reformierten ein Rückgang von etwa 12’000 und bei den Katholiken einer von 6’000 seit 2005. 1960 waren in Basel-Stadt sogar noch 136’000 Personen reformiert. Im Kanton Genf, der als eine Wiege der Reformation gilt, sind noch 10 % der Bevölkerung reformiert, und immerhin 40 % katholisch.

Der hohe Anteil Katholiken national und in traditionell reformierten Regionen mag erstaunen. Kirchenaustritte aus Protest gegen Ideen und Handlungen der «Kirche» berichten die Medien ja eher in Verbindung mit ihnen. Das der katholischen Kirche nahestehende Schweizerische Pastoralsoziologische Institut vermeldet aber, dass noch nie so viele Katholiken im Land lebten wie heute, mit 3 Millionen (2,5 Millionen, wenn nur Erwachsene gezählt werden) jedenfalls nicht weniger als 1970. Die Gesamtbevölkerung wächst ja stetig seit zwei Jahrzehnten, und die Zuwandernden scheinen erstens eher katholischen Glaubens zu sein und zweitens ihre Kirchenzugehörigkeit zu behalten, auch wenn in den letzten zwei Jahrzehnten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in grösserer Zahl Menschen aus protestantischen Gegenden, konkret aus Deutschland, zuwanderten.

Während Basel-Stadt kaum wächst, findet der Kanton Zürich noch viel Platz. So ist hier die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen weit weniger dramatisch. Die Anzahl der Reformierten nahm von 625’000 im Jahr 1970 auf 475’000 2012 ab; ihre Landeskirche plant rechnet mit 410’000 im Jahr 2025. Die katholische Kirche zählt seit Jahrzehnten etwa 400’000 Mitglieder, weil die Zuwanderung die Austritte ungefähr kompensiert. Die Kirchenfinanzen profitieren in Zürich stark von Firmensteuern und wachsenden Einkommen Privater.

Katholiken und Reformierte in Basel planen in den nächsten Jahren je etwa die Halbierung ihrer Beiträge an Organisationen, von 240’000 auf 120’000 Franken jährlich. Die Gründe liegen beim Eigenbedarf: die grösseren Kantonalkirchen und Gemeinden führen eigene Bildungs- und Beratungseinrichtungen sowie Sozialfachstellen, die innerkirchlich beim Einsatz knapperer Mittel mitreden. Sie kümmern sich mit eigenen, bezahlten Spezial-Seelsorgenden um Spitalaufenthalter, Heimbewohner, Prostituierte, Flüchtlinge, Studierende und Lehrlinge etc. Weil z.B. im Kanton Zürich ein Drittel der Katholiken anderssprachig als Deutsch ist, muss ihre Kirche kundige Seelsorgende anstellen: nicht nur in den Landessprachen Französisch, Italienisch und Englisch, sondern auch in Spanisch, Portugiesisch, Polnisch, Kroatisch, Ungarisch, Albanisch etc. Nationale Dachorganisationen und Bistümer, die nicht direkt Steuern erheben können, sind mitzutragen.

Grosse Finanzbeiträge gehen zuerst an die nahestehenden Organisationen HEKS, Brot für alle, Mission 21 und CEVI bei den Reformierten; Caritas, Fastenopfer, Katholischer Frauenbund, Jungwacht und Blauring bei den Katholischen. Nähe zu diesen haben auch Missio, Comundo, Interteam, Brücke-Le Pont, Kinderspital Bethlehem etc. Noch immer bestehen 80 Kloster-Gemeinschaften, von denen viele um freiwillige Zuwendungen für ihren Erhalt werben.

Die Kirche verfügt über zahlreiche Gebäude, die sich aus praktischen, rechtlichen (Denkmalschutz) und sentimentalen Gründen nicht einfach veräussern lassen. Ältere Immobilien mit ihrem hohen Wert als Baudenkmäler verlangen eine aufwendige Pflege, für die Beibehaltung jüngerer kämpfen die gewohnten Nutzer. So errechnete die Reformierte Kirche Basel-Stadt 2015, dass ein Gottesdienstbesuch der Kirche in Kleinhüningen bei durchschnittlich 28 Gläubigen rund 1’000 Franken kostet.

Die Gottesdienst-Besucherrate pro Konfession gibt einen Hinweis auf das Potential von Kollekten bzw. Opfern, die eine Gemeinde dabei zugunsten von Organisationen erhebt. Hier sind die Evangelikalen stark, da 72 % von ihnen mindestens einmal pro Woche zur Kirche gehen. Katholiken bringen es auf 13, Muslime auf 11, Reformierte auf 7 %.

Quelle u.a. www.migrosmagazin.ch/wertezerfall-ist-nicht-in-sicht