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Sommerunterhaltung für Gemeinsinnige

Drei kluge Romane, in denen gemeinnützige Organisationen, Spender und Spenden ausnahmsweise nicht verwurstet werden, nebst erfreulichem Erscheinen.

– eine Rezension von Tyark Thumann

Von der Unterhaltungsindustrie werden NGOs und ihre Mitarbeiter meistens als zwielichtige Gestalten oder Verbrecher präsentiert. Was bleibt, ist fast immer ein negativer Nachgeschmack.

Im „Tatort: Häschen in der Grube“ werden Kinder von einer NGO missbraucht. „Verratene Freunde“ vermittelt das Bild vom Reichtum durch Spendenbetrug. „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ präsentiert Fundraiser als saufende Luxusluder. Der Humor von „Mann, Sieber“ zeigt: Spender sind dekadente, gierige Zyniker.

Der Mechanismus ist bekannt: Drehbuchautoren und Regisseure kopieren die Klischees von Journalisten. Über die enormen Reichweiten und die Wirkung dieser Klischees insbesondere auf Nichtspender gibt es leider noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Größe des Schadens für die Zivilgesellschaft kann bislang nur grob geschätzt werden.

Umso erfreulicher ist, dass es inzwischen auch  Autoren gibt, die sich den allzu beliebten Vorurteilen gegen NGOs verweigern:

Mit „Geschenkt“ hat Daniel Glattauer vielleicht den ersten literarisch wertvollen Kontrast zu diesem Klischees geschaffen. Hintergrund ist das „Wunder von Braunschweig“, eine kuriose Geschichte aus dem wirklichen Leben: eine Serie anonymer Spenden, die im November 2011 begann. Sie ist Auslöser für diesen außergewöhnlichen Roman, in dem ein Ahnungsloser durch einen unbekannten Spender zu einem unabsichtlichen Fundraiser wird.

Der Held ist ein selbstkritischer, alkoholfreundlicher Antiheld, ein Journalist ohne Ambitionen mit Stammkneipe, und er ist frisch gewordener Vater eines bereits Pubertierenden. Die Agonie des Helden wird durch Spender und Sohn akut aufgemischt.

Glattauer verzichtet nicht nur auf den billigen Gebrauch der Klischees. Er wagt es auch, die vulgarisierte Medienberichterstattung durch den literarischen Reißwolf zu drehen. Die allzu populäre Skandalisierung kritisiert er ebenso mutig wie pointiert. Gleichzeitig erzählt Glattauer mit einer Finesse, die bisweilen so hochprozentig ist, wie die destillierten Getränke des Helden. Sein Ernst ist dabei ebenso unprätentiös und unaufdringlich wie sein Humor.

Dem literarischen Widerstrand gegen das konventionelle NGO-Bashing folgen nun auch Beispiele aus dem hohen Norden.

Mit dem „Ostfriesenkiller“ hat Klaus-Peter Wolf einen unterhaltsamen Strandkorbkrimi geschrieben. Im Zentrum der Handlung steht der „Regenbogenverein“, eine NGO, die behinderte Menschen betreut und auch deren Finanzen verwaltet. Es wäre perfektes Motiv, um das typische Klischee von Gier und Betrug in gemeinnützigen Organisationen zu nutzen. Ermordet werden der Leiter des Vereins, sein Stellvertreter und der FSJler.  Die überlebenden NGO-Mitarbeiter stehen unter kriminalistisch relevantem Tatverdacht. Aber Klaus-Peter Wolf verzichtet mit gutem Gespür darauf, die NGO als Erzählmotiv mit konventionellen Vorurteilen zu verwursten. Er folgt nicht dem Klischee der „gerngescholtenen Gutmenschen“.

Es gelingt ihm sogar, authentische NGO-Atmosphäre und den „Wahnsinn guter Gesinnung“ klug zu vermitteln. „Ostfriesenkiller“ wurde unter der Regie von Sven Bohse verfilmt.

Die Erstausstrahlung am 2. April 2017 erreichte einen Marktanteil von 25,2 % für das ZDF. In Deutschland haben 7,58 Millionen Zuschauer den „Ostfriesenkiller“ gesehen. Wie viel Arbeit und Geld müssen NGOs investieren, um 90 Minuten (!) Aufmerksamkeit von 7,58 Millionen Lesern zu gewinnen?

Die Sommerstimmung (erfahrener Spender, ethischer Fundraiser und der Freunde der Heilsarmee) hebt auch der neue Roman des „alten Schweden“ Jonas Jonasson. Zur Erinnerung: Er wurde zurecht berühmt durch seinen Bestseller „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Es folgte „Die Analphabetin, die nicht rechnen konnte“.

Jetzt folgt: „Mörder Anders und seine Freude nebts dem einen oder anderen Feind“. Die erste Bemerkung zu diesem Buch muss dem Autor gelten, denn es gelingt ihm, seine bemerkenswerte literarische Qualität konstant zu erhalten. Er ist gewissermaßen eine literarische Qualitätsgarantie. Sowas ist selten!

Die Heldin ist eine Ex-Pastorin, Ex-Tochter eines überstrengen Pastors, Ex-Kind einer rigiden, calvinistischen Philosophie des Gehorsams. Diese Heldin geht auf sehr individuelle Weise in den Widerstand. Im Gegensatz zu Gudrun Ensslin ist sie Einzelkind und es folgt keine tragische,  terroristische Geschichte, sondern die typische, humoreske Anarchie des Jonas Jonasson. Die Ex-Pastorin ist pleite, obdachlos und schnorrt im Stadtpark. Sie trifft dabei auf  den Rezeptionisten eines drittklassigen Hotels. Beide erkennen drei Gemeinsamkeiten: Sie hassen Gott und die Menschen und sind sich einig, dass Nehmen seeliger als Geben sei. Gemeinsamer Partner wird „Mörder Anders“, der frisch aus der Haft entlassen, durch die Ex-Pastorin und von ihr gänzlich unbeabsichtigt, seine Liebe zu Gott entdeckt. Das Trio versucht zunächst, seinen Lebensunterhalt als Geldeintreiberagentur zu verdienen, gerät dabei in Konflikt mit der schwedischen Gangsterwelt und wechselt – auf der Flucht – zum Fundraising mit einer spontan selbstgegründeten Freikirche.

Jonasson gelingt nicht nur eine sehr liebevolle, kritische Auseinandersetzung mit Religion. Nietzsche hätte womöglich große Freude an diesem Roman gehabt, ebenso wie die begnadeten Pessimisten Caraco und Cioran.

Jonasson gelingt es auch, die bekannten Vorurteile gegen die Motivation und die Methoden des Spendensammelns so ironisch zu verarbeiten, dass überzeugte Fundraiser und Spender reichlich Anlass zum Schmunzeln haben und überzeugte Nichtspender nachdenklich werden könnten. Für die seelische Gesundheit ethischer Fundraiser ist Jonassons neuer Roman sehr empfehlenswert. Seine literarischen und didaktischen Qualitäten empfehlen ihn ebenso für alle anderen Angehörigen und Anhänger von NGOs, die Spenden sammeln, um Probleme und Herausforderungen unserer Zivilgesellschaftl lösen zu können.

Die erste Spende für die Heilsarmee bei Jonasson:

„Erst vor ein paar Wochen hatte Mörder-Anders von der Pfarrerin gelernt, dass die Wege des Herrn unergründlich sind. Jetzt sah er durch die Gardine am hinteren Seitenfenster des Wohnmobils, wie unglaublich wahr das war. Denn wer stand keine fünf Meter von ihnen entfernt? Eine Soldatin der Heilsarmee, strategisch perfekt platziert vor dem gut besuchten Spirituosengeschäft! Sie stand da mit ihrer Sammelbüchse in der Hand und ergatterte hie und da ein paar Kronen.

Die Pfarrerin saß am Steuer, dachte an etwas anderes und ahnte nichts von der Gefahr. Mörder-Anders nahm in aller Stille ein ungefähr ebenso großes Geldbündel aus dem Koffer wie beim vorigen Mal, steckte es in eine Plastiktüte von der Tankstelle und machte die Wohnmobiltür einen Spaltbreit auf, ganz still und leise, damit die Pfarrerin nichts merkte. Und dann winkte er der Heilsarmee-Soldatin zu, bis sie zu ihm herüberschaute, glücklicherweise ohne den gefährlichsten Mann des Landes zu erkennen. Daher machte sie die notwendigen Schritte bis zum Auto, als sie begriff, dass der gestikulierende Mann sie gemeint hatte. Als sie ganz nahe bei ihm war, konnte Mörder-Anders flüstern. Durch die halb offene Tür dankte er der Soldatin für ihre Arbeit im Dienste des Herrn. Und dann überreichte er ihr die Tankstellentüte mit dem Geld.

Mörder-Anders fand, dass die Soldatin müde und abgearbeitet aussah. Die konnte sicherlich ein tröstliches Wort auf den Weg gebrauchen.
‚Ruhe in Frieden‘, sagte er freundlich, wenn auch etwas zu laut, bevor er die Tür zumachte.

Ruhe in Frieden? Die Pfarrerin am Steuer konnte sich gerade noch umdrehen, verblüfft über das Bild, dass sich ihr bot, nämlich eine ältere Soldatin der Heilsarmee, die rückwärtsstolperte, nachdem sie einen Blick auf das geworfen hatte, was man ihr gerade geschenkt hatte, und noch einmal verblüfft, als ebendiese Soldatin weiter rückwärtsging und den Rezeptionisten anrempelte, der zwei Tüten Abendmahlswein schleppte.
Die Flaschen kamen unbeschadet davon. Der Rezeptionist entschuldigte sich bei der Heilsarmee-Soldatin. Ob alles in Ordnung sei? Oder ob es der Dame nicht gut gehe?

Da hörte er die Stimme der Pfarrerin durch das Seitenfenster des Wohnmobils: „Scheiß auf die Alte und spring sofort ins Auto. Der Idiot hat es schon wieder getan.‘ “

 

Die drei Romane

Daniel Glattauer: „Geschenkt“,
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014

Klaus-Peter Wolf: „Ostfriesenkiller“,
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017

Jonas Jonasson: „Mörder Anders und seine Freude nebts dem einen oder anderen Feind“, Penguin/Random House, München 2017